Interview mit Birte Müller, Mitinitiatorin und Projektleiterin des AZH-Elterncafé Curcuma
Wie bewerten eigentlich die geförderten Projektanbieter Mehr Aktion! e.V.? Helfen die bereitgestellten finanziellen Mittel wirklich weiter – oder ist es ein Tropfen auf dem heißen Stein? Lässt sich damit verlässlich planen? Und wie sieht die Begleitung des Angebots und das Projektverständnis der Vereinsverantwortlichen aus? Mehr Aktion! hat mit Dipl.-Sozialpädagogin Birte Müller gesprochen, sie ist Mitinitiatorin und Projektleiterin des 2019 gegründeten Elterncafés Curcuma im Autismus-Zentrum Hannover (AZH).
Mehr Aktion!: Frau Müller, wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein Elterncafé aufzumachen und Mehr Aktion! nach einer Anschubfinanzierung zu fragen?
Birte Müller: Das Café hat seine Wurzeln in der Arbeit mit Geschwisterkindern, die es im Verein Autismus Hannover e.V. bereits seit vielen Jahren gibt. Wir hatten eingeführt, die Geschwisterwochenenden immer mit einer gemeinsamen Familienaktion abzuschließen. Es war der Wunsch vieler Geschwister, unbeschwert etwas mit ihren Eltern erleben zu können. Darüber hinaus zeigte sich in allen AZH-Einrichtungen, dass sich autistische Kinder nur sehr begrenzt wirksam fördern lassen, wenn das Kind nicht sicher in einem Familiensystem eingebunden ist. Mit Curcuma haben wir daher einen Ort der Begegnung geschaffen, an dem die Interessen der Eltern im Mittelpunkt stehen und zugleich alle Familienmitglieder vom Kind bis zu den Großeltern willkommen sind. Uns war klar, dass das allein ehrenamtlich kaum aufgeht und entlastende Fachkräfte nötig sind, die einen strukturellen und inhaltlichen Rahmen schaffen. Jedoch gibt es dafür keine öffentlichen Gelder. Daher haben wir nach anderen Finanzierungsmöglichkeiten gesucht. Da war u.a. unser eigener Verein Autismus Hannover e.V., dessen Mitglieder (meistens Eltern) sich ebenso einen Ort der Zugehörigkeit und des Austausches wünschten und das Projekt Elterncafé auch finanziell unterstützen wollten. Das reichte nicht ganz aus. Ich war schon vor einiger Zeit nach einer Straßenaktion vom Mehr Aktion!-Konzept überzeugt und zahlendes Vereinsmitglied, so lag es nahe, auch für unser Anliegen Kontakt zu Mehr Aktion! aufzunehmen. Die Begegnung mit Frau von Wrangell und Frau Sievers war von Anfang an von Neugier und gegenseitigem Interesse geprägt, und ist dies ist bis heute so geblieben. Dafür sind wir sehr dankbar.
Welche Bedeutung hat Curcuma für die betroffenen Kinder und Familien?
Viele Familien mit autistischen Kindern finden keinen Ort, an dem sie gemeinsam unbeschwert sein können. Café- oder Restaurantbesuche mit einem autistischen Kind sind meist anstrengend, Treffen mit Freunden mühsam. Manche Eltern haben für ihre Kinder Beruf und Hobbys aufgegeben. Das heißt, soziale Kontakte bleiben aus und Familien fühlen sich gesellschaftlich isoliert. Viele Eltern genießen daher die Zeit, die sie durch das Elterncafé geschenkt bekommen – Zeit für sich, für Partnerschaft und gemeinsames Erleben. Auf dem Gelände des AZH in der Bemeroder Straße 8 brauchen die Eltern keine Angst zu haben, dass ihr Kind wegläuft, denn es ist komplett umzäunt. Die Kinder können auf dem anregenden Gelände spielen, während sich die Eltern einen Kaffee gönnen und sich mit Gleichgesinnten sowie Fachkräften austauschen. Sie bleiben die ganze Zeit für ihr Kind verantwortlich, aber sind nicht mehr allein mit der Erziehungsaufgabe. Fachkräfte unterstützen sie, geben Feedback und Anregungen. Zudem gibt es von den Fachkräften viel Input, z.B. wie Eltern mit ihren Kindern über Bildkarten kommunizieren können, wie sie mit pubertierenden Verhaltensweisen umgehen und wo ihre Kinder beschult werden können. Nicht immer haben wir Lösungen, aber gerade dann sind Menschen da, die mit ihnen gemeinsam schwierige Zeiten aushalten und durchstehen.
Gibt es in Hannover vergleichbare Einrichtungen für diese Zielgruppen?
Nein, einen solchen Ort gibt es sonst nicht in Hannover. Natürlich bestehen Selbsthilfegruppen für Eltern autistischer Kinder, es existieren Angebote der Geschwisterarbeit oder Elterncafés in Familienzentren, in denen Betroffene gute Unterstützer finden. Uns unterscheidet jedoch, dass wir inklusiv arbeiten, dass wir alle Familienmitglieder gleichermaßen einbeziehen und die unterschiedlichen Bedürfnisse berücksichtigen. Wir haben Glück, dass wir so ein tolles Außengelände haben, auf dem wir unsere Idee verwirklichen können. Wir haben zudem ein kleines Gartenhaus, an dem wir Snacks und Getränke ausgeben. Uns unterscheidet, dass wir ein Team aus Fachkräften und ehrenamtlichen Mitarbeitern sind, die gleichermaßen und mit ihren jeweiligen Kompetenzen das Café gestalten und ganz praktisch zupackend am Leben halten. Wir haben auf diese Weise ein großes Potential, mit dem wir die jeweiligen Bedarfe der Familien aufgreifen und mit Eltern neue Ideen umsetzen können. Das Elterncafé steht daher nie still, es entwickelt sich weiter.
Wie hat sich das Curcuma über die Jahre weiterentwickelt? Und wie wirkt sich der begleitende Austausch durch Mehr Aktion! auf Ihr Angebot aus?
Am Anfang fand das Elterncafé nur einmal im Monat statt. Als Überdachung hatten wir ein Sonnensegel und es gab auch schon das Gelände. Wir haben unseren Platz zunächst weiter eingerichtet, gemeinsam mit den Eltern ein Gartenhaus gebaut und dort eine Küche installiert. Dann kam Corona. Damit wir den Kontakt zu den Eltern aufrechterhalten konnten, kam ein digitales Café hinzu. Dieses gibt es nun immer noch in den kalten Monaten, wenn wir nicht draußen sein können. Eltern erhalten darüber Weiterbildung und eine Möglichkeit zum Austausch.
Als 2022 der Krieg in der Ukraine begann, haben wir das Elterncafé schlagartig auf eine Öffnung pro Woche erweitert. Wir wollten auch hier eine Anlaufstelle für Familien mit autistischen Kindern auf der Flucht sein. Wie wir später erfahren haben, hat sich das schnell herumgesprochen. Es gab Familien, die ihre Reiseroute auf diesem Hintergrund von der ukrainisch-polnischen Grenze nach Hannover verlegt haben.
Auch inhaltlich ist unser Elterncafé immer weiter gewachsen. Wir begannen jeden Café-Nachmittag einem Autismus-Thema zu widmen, aus dem Eltern fachkundigen Input und praktische Ideen mitnehmen konnten. Zudem luden wir Fachleute aus unterschiedlichen Einrichtungen ein, um Eltern Zugänge zum Hilfesystem in Hannover zu ermöglichen. Wir haben therapeutische Angebote wie Ergotherapie und sensorische Integration initiiert, die während der Zeit des Elterncafés auf unserem Gelände stattfanden. Eltern konnten zur Entspannung selbst Stunden in sensorischer Integration nehmen. Es entstanden Kooperationen zu anderen Trägern und Einrichtungen, die mit autistischen Menschen arbeiten.
All dies konnten wir nur verwirklichen, weil wir Förderer hatten. Mehr Aktion! ist hier bis heute ein ganz wesentlicher und einmaliger Partner, ganz besonders, weil es einen persönlichen Austausch gibt und die Organisatorinnen diesen Kontakt auch von sich aus immer wieder suchen. Wir fühlen uns in unserem Engagement nicht nur finanziell sehr unterstützt, sondern auch durch das permanente Interesse der Vereinsverantwortlichen. Wir hoffen, dass wir Mehr Aktion! auch für das nächste Jahr für unsere Arbeit gewinnen können. Denn wir haben natürlich Pläne. Verraten wird schon einmal, dass wir einen Schwimmkurs für autistische Kinder und ihre Eltern planen. Wir wünschen uns weitere Kooperationen mit Einrichtungen und Personen, die mit uns den Freizeitbereich für Kinder mit Autismus weiter ausbauen. Es soll zudem Elternpatenschaften geben, bei denen erfahrene Eltern neu hinzukommende beraten und unterstützen. Diese werden wir mit unseren Erfahrungen fachlich und emotional begleiten.
Wie hat sich die Nachfrage Ihres Angebots entwickelt?
Das Café ist in Kreisen, die mit autistischen Menschen arbeiten oder die Familien begleiten, bekannt. Unsere Einrichtungen und auch Jugendämter, Praxen, das Sozialpädiatrisches Zentrum Hannover, Familienhilfen und Frühförderstellen vermitteln die Familien an uns. Unsere Hilfe kann sofort greifen, weil sie von Kostenanerkenntnissen und Diagnosen unabhängig ist. Unsere Angebote sind mit 15-20 Familien pro Veranstaltung sehr gut besucht.
Wie finanziert sich das Café? Wo gibt es Engpässe oder Grenzen?
Öffentliche Gelder sind in der Regel an Diagnosen und Kostenanerkenntnisse gebunden. Genau das wollen wir nicht. Das Café will für alle Interessierten offen sein, also auch für Familien, in denen nur ein Verdacht auf Autismus vorliegt. Dies macht die Finanzierung schwieriger. Wir brauchen also Drittmittel, aber die sind zeitlich oft begrenzt. So suchen wir jedes Jahr neue Förderer. Auch aktuell, da die Fördermittel, die wir neben Mehr Aktion! über die Diakonie für drei Jahre bezogen haben, 2025 auslaufen. Wir sind daher sehr dankbar, dass Mehr Aktion! uns so langfristig begleitet.
Wie kam es dazu, dass Mehr Aktion! das Café über die Anschubfinanzierung im Jahr 2019 hinaus unterstützt? Und wofür werden die Mittel verwendet?
Wir haben unterschiedliche Kostenfaktoren. Wir brauchen Lebensmittel, pädagogisches Material, Deko und auch mal Mittel für Reparaturen oder Erneuerung von Mobiliar. Den größten Posten macht jedoch das Personal aus. Wir legen Wert darauf, mit Fachkräften und Ehrenamtlichen zu arbeiten – das macht sich in den Kosten bemerkbar. Viele Förderer und Stiftungen schließen Personalkosten aus. Das ist bei Mehr Aktion! anders und hält unser Café am Leben.
Warum ist es so wichtig, dass Mehr Aktion! das Café fördert?
Unser Elterncafé ist kostenfrei. Das heißt, dass die Betroffenen, alle Eltern und die dazugehörigen Familien, unser Café ohne große finanzielle und kulturelle Hürde besuchen können. Zudem können wir unsere Nachmittage durch die Fördergelder sehr individuell auf die aktuellen Bedarfe zugeschnitten gestalten. Das macht die Qualität des Cafés aus und das kommt bei den Betroffenen gut an. Wir haben hier eine sehr entspannte Atmosphäre, in der sich Groß und Klein sofort wohl fühlen.
Was wäre, wenn es die Förderung durch Mehr Aktion! nicht gäbe?
Die Gelder von Mehr Aktion! sind sehr verlässlich und bilden unseren finanziellen Grundbestand. Mal angenommen, wir finden 2026 keinen großen Förderer, wie in den vergangenen Jahren die Diakonie, dann könnten wir mit der Fördersumme von Mehr Aktion! zumindest den monatlichen Café-Betrieb als Grundgerüst aufrechterhalten.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft von Curcuma?
Das Elterncafé soll die Chance bekommen, sich frei und orientiert an den Bedarfen der Familien mit autistischen Kindern weiterentwickeln zu können. Unsere Motivation ist, Teilhabe zu ermöglichen. Wir wollen Eltern stärken, damit sie ihrer Erziehungsaufgabe in einer immer herausfordernden Welt gerecht werden können. Dafür brauchen wir Förderer, die uns unabhängig und jenseits gängiger gesellschaftspolitischer Vorgaben, wie Förderung der Schulfähigkeit, unterstützen. Wir sind überzeugt, mit Mehr Aktion! diesbezüglich einen sehr würdigen und verständnisvollen Partner gefunden zu haben.
Mehr Aktion!: Frau Müller, vielen Dank für das informative Gespräch. Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg mit dem Elterncafé und Ihnen persönlich eine gute, unbeschwerte Zeit sowie frohe Festtage.
>> All dies konnten wir nur verwirklichen, weil wir Förderer hatten. Mehr Aktion! ist bis heute ein ganz wesentlicher und einmaliger Partner, weil es einen persönlichen Austausch gibt und die Organisatorinnen diesen Kontakt auch von sich aus immer wieder suchen. <<
Birte Müller
>> Dank der Fördergelder können wir unsere Nachmittage sehr individuell auf die aktuellen Bedarfe zugeschnitten gestalten. Das macht die Qualität des Cafés aus und das kommt bei den Betroffenen sehr gut an. <<
Birte Müller


