Sportprojekt Domiziel gGmbH – Teilnehmer-Reaktionen
In Dedenhausen bei Uetze befindet sich das Domiziel. Die Organisation betreut schwer integrierbare Jungen, bei denen andere Hilfesysteme kaum greifen. Oft fehlt ihnen ein intaktes Elternhaus, einige haben Missbrauch oder Gewalt erlitten. Viele haben Bewegungsdefizite, Übergewicht, Haltungsschäden oder ADHS. Mit dem Domiziel können die Jungs zwischen 8 und 18 Jahren ein neues Zuhause finden.
Im Domiziel bekommen die Jungen sozialpädagogische Intensivbetreuung, Unterricht und Vorbereitung für das Berufsleben. Seit circa drei Jahren hat die Einrichtung ein ganz neuartiges Projekt ins Leben gerufen: Sport. Das Programm beinhaltet Athletik, Fußball, Tischtennis, Joggen, aber auch Meditation, Körperwahrnehmung und Naturerfahrung. Es handelt sich um ein ganzheitliches Sportangebot rundum Bewegung, Training, Motorik, Atemtechnik, Ernährung sowie Schlafhygiene und ist in diesem Einsatzbereich wohl einzigartig. Genau genommen, ist es eigentlich nicht „nur“ Sport – sondern vielmehr der Schlüssel, damit die Jungs ihre Balance finden, sich in die Gesellschaft integrieren und das Leben selbst in die Hand nehmen. Das hat Mehr Aktion! mehr als überzeugt. Mithilfe seiner engagierten Mitglieder fördert der Verein daher das Domiziel von Beginn an.
Mehr Aktion! möchte gerne wissen, wie sich die Jungs mit dem Domiziel und dem Sportprogramm fühlen: Was gefällt ihnen, und was nicht? Wie unterstützt die klare Struktur die Jugendlichen in ihrem Alltag? Welche Erkenntnisse und Lernfortschritte nehmen sie mit? Hier ein paar Reaktionen:
>> Für mich ist das hier wie eine Familie. Eine Gemeinschaft. <<
>> Wir frühstücken morgens zusammen in der Gruppe und gehen dann zur Schule. Danach essen wir gemeinsam Mittag und haben dann unsere Pausenzeit . Meistens haben wir nachmittags dann ein Sportprogramm. <<
>> Früher habe ich immer Süßigkeiten gegessen, viel Cola und Sprite getrunken. Im Domiziel wird schon sehr auf unsere Ernährung geachtet. <<
>> Am Montag machen wir etwas als Wohngruppe. An den anderen Tagen ist fast immer Sport. Am Dienstag gehen wir abends auf den Soccerplatz. Mittwochs haben wir eine Sporteinheit mit Trainern und abends oft noch einen DJ-Workshop. Donnerstags gibt es Athletiktraining mit Thommy und Bjarne. Freitags gehen wir schwimmen. Ach ja, ganz vergessen, ich bin ja jetzt sogar noch im Handball verein und habe hier Training und Spiele. <<
>> In der Sportwelt ist es richtig gut. Das macht mir viel Spaß und ich merke auch sofort, wenn ich kein Sport mache, wie unausgelastet ich bin. <<
>> Früher konnte ich nur einen kurzen Sprint machen, dann war Schluss wegen meinem Asthma. Jetzt merke ich mein Asthma kaum noch. Der Arzt hat gesagt, meine Lunge sieht richtig gut aus. Ich hatte schon Angst ihm zu sagen, wie viel Sport ich gerade mache, weil er früher gesagt hat, ich muss aufpassen, aber er hat gesagt mach weiter so, deine Lunge bessert sich immer mehr und mehr. Ich musste früher jeden Morgen das Asthma-Spray nehmen, heute nehme ich es gar nicht mehr. <<
>> Früher habe ich nie abgespielt. Jetzt habe ich gelernt, dass ich mit den anderen zusammenspielen muss. Wir sind ja ein Team. <<
>> Ich werde hier verstanden. Sonst war ich immer gegen alles, aber hier habe ich gelernt, dass ich zulassen muss. Hier hilft man mir sogar, dass ich meinen Schulabschluss schaffe. <<
„Besonders im Sport werden Fortschritte sehr sichtbar“
In der Mehr Aktion!-Umfrage hat sich gezeigt, nicht alles darf gefragt werden und nicht auf alles, was gefragt wird, folgt eine klare Antwort. Manche Dinge sind sehr oder zu persönlich, um sie zu fragen, andere Dinge können von den Befragten (noch) nicht durchdrungen werden. Jemand, der die Dinge und Antworten genau kennt, ohne sie erfragen zu müssen, ist Bjarne Breuer, Projektmanager und pädagogischer Betreuer im Domiziel. Er hat Mehr Aktion! die Zusammenhänge erklärt:
„Kinder und Jugendliche kommen mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen ins Domiziel. Viele bringen große Defizite mit – nicht nur schulisch, sondern auch in den Bereichen Bewegung, Körpergefühl und dem sich Unterordnen in Abläufe. Gerade zu Beginn ist Sport für viele Kinder etwas völlig Neues. Oft fehlt ihnen die Lust, manchmal auch der Zugang, weil sie zuvor kaum oder gar keine Berührung damit hatten. Doch genau hier zeigt sich, wie lernfähig Kinder sind. Besonders im Sport werden Fortschritte sehr sichtbar. Am Anfang machen viele Kinder die Übungen nur halb mit oder wissen nicht, wie sie sich richtig bewegen sollen. Aufwärmen, Mobilisieren oder gezielte Übungen sind zunächst ungewohnt. Mit der Zeit entstehen jedoch Routine, Sicherheit und Verständnis für den eigenen Körper. Dann können wir bei vielen Kindern beobachten, dass sie die Abläufe kennen, die Übungen wiedererkennen und diese teilweise sogar selbstständig ausführen. Das strukturierte Warmmachen, Mobilisieren und Trainieren wird zunehmend verinnerlicht – ein klarer Beleg dafür, wie stark Lernprozesse hier greifen. Der Alltag bei uns im Domiziel ist klar strukturiert und gibt den Jungs Orientierung.
Ein großer Vorteil des Domiziels ist, dass der Sportplatz direkt vor Ort liegt. Dadurch können Jungs, die noch viel Bewegungsdrang haben oder unausgelastet sind, auch spontan zusätzliche Sporteinheiten bekommen. Sport wird so zu einem natürlichen Bestandteil des Alltags – nicht als Pflicht, sondern als Möglichkeit. Ein zentrales Anliegen im Domiziel ist es, die Jungs ganzheitlich zu stärken. Es geht dabei nicht nur darum, sie schulisch zu begleiten und ihnen einen Schulabschluss zu ermöglichen, sondern sie insgesamt auf ihrem Weg ins Leben zu ermutigen. Sport spielt dabei eine entscheidende Rolle, daher ist Bewegung fast täglich fest eingebunden. Durch die regelmäßige Bewegung, klare Strukturen und verlässliche Begleitung erleben die Jungs, dass sie etwas können, dazulernen und Fortschritte machen. Dieses Erleben stärkt ihr Selbstvertrauen und ihren Mut, sich auch außerhalb des Domiziels etwas zuzutrauen. Deshalb ist es dem Domiziel besonders wichtig, die Kinder Schritt für Schritt für externe Sportvereine zu motivieren und dann auch zu begleiten. Dort können sie ihre Fähigkeiten weiterentwickeln, neue soziale Kontakte knüpfen und Teil einer Gemeinschaft außerhalb des geschützten Rahmens werden. Viele Kinder trauen sich diesen Schritt erst, nachdem sie im Domiziel positive Erfahrungen gemacht und Vertrauen in sich selbst aufgebaut haben.“
>> Durch die regelmäßige Bewegung, klare Strukturen und verlässliche Begleitung erleben die Jungs, dass sie etwas können, dazulernen und Fortschritte machen. <<
Bjarne Breuer, Projektmanager im Domiziel


